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 Auricularfläche

 

Erhebung des Sterbealters mittels Auricularfläche nach    LOVEJOY et al. (1985)

 Beschreibung von Einzelmerkmalen der Auricularfläche

Zur exakten Anwendung des 8stufigen Modells der Altersabschätzung nach LOVEJOY et al. (1985) ist die Darlegung von einzelnen Begriffen und Wortschöpfungen erforderlich.

Furchen

Dieses Merkmal ist bevorzugt bei jungen Individuen ausgeprägt. Furchen sind regelmäßige, stets querverlaufende, 0,5-1,5 mm tiefe Oberflächenstrukturen. Sie können von der Retroauricularfläche verschieden weit in die Auricularfläche hineinreichen.

Riefen

Riefen sind eine ebenfalls querverlaufende, jedoch kammartige und wesentlich feinere Oberflächenstruktur der Auricularfläche. Sie sind vorwiegend am dorsalen Rand sichtbar. Das Erscheinungsbild der Riefen ist ähnlich dem der Furchen. Der Unterschied besteht in der wesentlich feingliedrigen Struktur, die besonders gut bei seitlichem Lichteinfall zu beobachten ist.

Granulation

Die Granulation beschreibt die Oberflächenbeschaffenheit der Auricularfläche. Dieses Merkmal kann direkt auf Reliefmerkmalen, wie Furchen oder Riefen, aufliegen. Die Granulation bzw. Körnigkeit reicht von schwacher Ausprägung, vergleichbar mit feinstem Sandpapier (Korngröße 0,01-0,02 mm), bis zur grobkörnigen Oberfläche, die mit Sandpapier der Korngröße 0,04 mm vergleichbar ist

Dichte

Eine verdichtete Oberfläche der Auricularfläche ist frei von Granulation. Verdichete Oberflächen sind typisch für Individuen der 4. Lebensdekade.

Mikroporosität

Im Gegensatz zur reinen Oberflächenstruktur der Granulation ist die Porosität ein Merkmal, welches in den subchondralen Knochen hineinreicht. Diese "Löcher" sind makroskopisch zu erfassen. Deren Durchmesser liegt in einer Größenordnung von              < 0,5 mm.

Makroporosität

Die als Makroporosität beschriebenen Strukturen sind in ihrer Form vergleichbar mit der Mikroporosität, nur weisen sie mit einer Größe von 0.5-5 mm eine größere Dimension auf. In extremen Fällen können Makroporositäten beobachtet werden, die eine Größe von bis zu 9 mm aufweisen

Die Kante der Auricularfläche in der Region des Apex ist ein diagnostisches Merkmal. Sie ist deutlich und scharf bis in die 3. Dekade und wird danach infolge von Lippenbildungen breiter. Bei der Abschätzung der Ausprägung dieses Merkmales ist das Geschlecht des Individuums zu berücksichtigen. Bei weiblich determinierten Beckenknochen ist häufig ein Sulcus praeauricularis zu beobachten. Dessen anteriore Lippe läßt die Kante in der Apexregion deutlicher und schärfer werden

Retroauricularfläche

Die Retroauricularfläche ist ebenfalls ein Teil des Iliosacralgelenkes und ist posterior der Auricularfläche positioniert. Bei Individuen der unteren Altersklassen ist die Fläche glatt und eben. Der Begriff ‘Retroauriculare Aktivität’ beinhaltet die Zunahme der Porosität der Oberfläche, osteophytische Veränderungen und generelle Flächenunebenheiten. Bei der Beurteilung der Retroauricularfläche ist die Iliacarschwellung auszuklammern. Diese Struktur befindet sich in zentraler Position dieser Fläche. Die Iliacarschwellung weist bei männlichen Individuen eine hügelförmige Struktur auf. Bei Frauen ist dieses Merkmal sehr variabel. Gewöhnlich ist die Schwellung hier spitz gestaltet oder gar nicht vorhanden. Des weiteren kann sie als kammartige Struktur ausgebildet sein, die in dorsoventraler Richtung über die gesamte Retroauricularfläche verläuft (ISÇAN & DERRICK 1984).

 

 Altersabhängige Veränderungen der Auricularfläche

Die Beschreibung der acht Altersstufen beruht auf den Ergebnissen von LOVEJOY, MEINDL, PRYZBECK und MENSFORTH (1985) sowie den Anmerkungen von KEMKES-GROTTENTHALER (1993). Zusätzlich wurden Ergebnisse von BUIKSTRA & UBELAKER (1994) hinzugefügt, die eine Wichtung der Einzelmerkmale vornahmen:

P = primäres Merkmal

S = sekundäres Merkmal

Stufe 1 (20-24 Jahre)

Furchenbildung und sehr feine Granulation

Die Oberfläche weist eine feingranulierte Struktur (P) und eine auffällige querverlaufende Organisation (P) auf. Es besteht keine retroauriculare Aktivität (S), apikale Aktivität (S) oder Porosität (S). Die Oberfläche macht einen jugendlichen Eindruck aufgrund der breiten und gut ausgebildeten Furchen (P), welche die eindeutig querverlaufende Organisation verursachen. Die Furchen sind gut erkennbar und überdecken den Großteil der Fläche. Defekte unterhalb des knorpeligen Gewebes sind glattgesäumt und abgerundet.

Stufe 2 (25-29 Jahre)

Reduktion der Furchenbildung; Jugendliches Erscheinungsbild bleibt weitestgehend erhalten.Die Veränderungen zur vorangegangenen Stufe sind nicht auffällig und spiegeln sich zumeist in einem geringen bis moderaten Verlust der Furchen (P) wider und einem Ersatz derselben durch Riefen (P). Es besteht keinerlei apikale Aktivität (S), Porosität (S) oder retroauriculare Aktivität (S). Die Oberfläche erscheint immer noch jugendlich aufgrund der deutlich querverlaufenden Organisation (P). Die Feinkörnigkeit (P) hat ein wenig nachgelassen.

Stufe 3 (30-34 Jahre)

Furchenbildung weitestgehend verschwunden und durch Riefen ersetzt; Oberfläche wird spürbar grobkörniger.

Beide Oberflächen sind weitestgehend untätig mit einem geringen Verlust der querverlaufenden Organisation (P). Die Furchenbildung (P) ist sehr reduziert und durch deutliche Riefen (P) ersetzt. Die Oberfläche ist grobkörniger (P) und erkennbar granulöser (P) als in der vorangegangenen Stufe. Am Apex (S) haben sich keine nennenswerten Veränderungen vollzogen. Kleine Areale von Mikroporosität (S) können erscheinen. Eine geringe retroauriculare Aktivität (S) ist gelegentlich vorhanden. Generell verdrängt Grobkörnigkeit (P) die Furchen.

Stufe 4 (35-39)

Durchgehende Grobkörnigkeit    Das untere und obere Areal sind durchgehend grobkörnig (P) mit einer deutlichen Reduktion von sowohl Furchen (P) als auch Riefen (P), wenn auch die Riefen (P) bei genauerer Betrachtung noch vorhanden sein können. Die querverlaufende Organisation (P) ist noch vorhanden, aber undeutlich. Im retroauricularen Teil (S) ist Aktivität zu beobachten, wenn auch meist nur geringe. Minimale Veränderungen sind am Apex (S) festzustellen, die Mikroporosität (S) ist gering und es gibt keine Makroporosität (S). Diese Stufe gilt als Hauptperiode für durchgehende Grobkörnigkeit (P).

Stufe 5 (40-44 Jahre)

Übergang von grobkörniger zu verdichteter Oberfläche, häufig in Form von Inselbildung im unteren und oberen Teil  Die Furchen (P) sind verschwunden. Die Riefen (P) sind noch zu erfassen, wenn auch nur sehr vage. Die Aufsicht ist noch teilweise grobkörnig (P) und ein deutlicher Verlust der querverlaufenden Organisation (P) ist zu vermerken. Teilweise treten Verdichtung (P) der Oberfläche mit entsprechendem Verlust der Grobkörnigkeit (P) sowie mit einer geringfügigen bis moderaten Aktivität im retroauricularen Bereich (S) auf. Gelegentlich ist Makroporosität (S) zu beobachten, allerdings ist sie für diese Altersgruppe eher atypisch. Geringe Veränderungen sind normalerweise im Apexbereich (S) zu finden. Eine Zunahme der Mikroporosität (S), abhängig vom Grad der Verdichtung, ist zu erkennen. Das Hauptmerkmal ist der Übergang von einer körnigen zu einer verdichteten Oberfläche.

Stufe 6 (45-49 Jahre)

Verdichtungsprozeß abgeschlossen, Grobkörnigkeit gänzlich verschwunden. Beachtlicher Verlust der Grobkörnigkeit (P) bei den meisten Exemplaren mit einem Ersatz durch dichten Knochen (P). Weder Furchen (P) noch Riefen (P) sind vorhanden. Die Veränderungen am Apex (S) sind gering bis moderat, aber fast immer zu beobachten. Es gibt einen eindeutigen Trend zur Oberflächenverdichtung (P). Die querverlaufende Organisation (P) ist nicht mehr zu erkennen. Fast alle Mikroporosität ist durch den Verdichtungsprozeß (P) verschwunden. Die Seitenränder werden zunehmend unregelmäßiger mit moderater retroauricularer Aktivität (S) und geringer bis gar keiner Makroporosität.

Stufe 7 (50-59 Jahre)

Verdichtete, unregelmäßige Oberfläche, Aktivität im retroauricularen Bereich. Es handelt sich hier um eine Weiterentwicklung der vorangegangenen Stufe, in welcher die deutliche Oberflächenunregelmäßigkeit (P) das Hauptmerkmal ist. Die Topographie zeigt jedoch keine querverlaufende oder sonstige Form der Organisation (P). Moderate Grobkörnigkeit (P) wird gelegentlich beibehalten, aber geht gewöhnlich während der vorangegangenen Phase verloren. Furchen und Riefen (P) sind nicht zu beobachten. Der untere Teil weist gewöhnlich eine Lippenbildung (S) am Terminus inferior auf, die über den eigentlichen Körper des Beckens reicht. Veränderungen im apikalen Bereich (S) sind gleichbleibend und können auffällig sein. Weiter ist eine zunehmende Unregelmäßigkeit der Seitenränder zu beobachten. Makroporosität (S) ist in einigen Fällen zu erkennen, aber nicht unabdingbar. Die retroauriculare Aktivität (S) ist in den meisten Fällen moderat bis deutlich.

Stufe 8 (60 Jahre und älter)

Zerstörung der Auricularfläche einhergehend mit Lippenbildung am Rand, Makroporosität, zunehmender Unregelmäßigkeit und beachtlicher Aktivität im retroauricularen Bereich

Das Hauptmerkmal ist die nichtgekörnte, unregelmäßige Oberfläche (P) mit deutlichen Anzeichen der subchondralen Zerstörung. Eine querverlaufende Organisation (P) ist nicht zu beobachten und eindeutig jugendliche Kriterien fehlen. Makroporosität (S) ist in einem Drittel der Fälle zu beobachten. Die apikale Aktivität (S) ist gewöhnlich hervorstechend, aber nicht erforderlich in dieser Altersklasse. Die Seitenränder werden in höchstem Maße unregelmäßig und zeigen Lippenbildung, in Verbindung mit den typischen degenerativen Veränderungen des Gelenks. Der retroauriculare Bereich (S) hebt sich deutlich ab, mit einer Vielzahl von Osteophyten von geringem bis moderatem Relief. Eine eindeutige Zerstörung des unter dem Knorpel liegenden Knochens ist zu beobachten. Die querverlaufende Organisation (P) ist gänzlich verschwunden und die Unregelmäßigkeit nimmt zu. Ältere Exemplare zeigen weitere in diese Richtung weisende Veränderungen (Abb.19).

 

 Sterbealterbestimmung anhand der Auricularfläche

Jeder Auricularfläche wurde die Altersspanne zugeordnet, die sich aus der Bestimmungsmethode nach LOVEJOY (1985) ergab. Sofern beide Auricularflächen eines Individuums präsent waren und aufgrund ihres Erhaltungszustandes eine Altersabschätzung zuließen, wurden sie unabhängig voneinander ausgewertet und gegebenenfalls mit differierenden Altersklassen belegt (Kap. 4.6.). War aufgrund einer Merkmalskombination die Zuordnung einer Auricularfläche zu mehreren Altersklassen möglich, erfolgte eine altersklassenübergreifende Bestimmung.

 

 Quantitative Bewertung des Einzelmerkmales

Um eventuelle Geschlechtsunterschiede in der Ausprägung der altersabhängigen Einzelmerkmale innerhalb einer Altersklasse aufdecken zu können, ist eine quantitative Analyse der Merkmale notwendig. Im Zuge der Altersbestimmung anhand der Auricularfläche wurde jedes altersrelevante Merkmal begutachtet und bewertet. Dabei ist der deutlichen Ausprägung des Merkmales der Wert 2 zugeordnet worden. Eine durchschnittliche Ausprägung des Merkmales wurde mit 1 bewertet und ein nicht zu eruierendes Merkmal mit dem Wert 0. Aus diesen Werten läßt sich die durchschnittliche prozentuale Ausprägung eines Merkmales innerhalb einer Altersklasse ermitteln. Wurde z.B. jedem Individuum einer Altersklasse für dasselbe Merkmal der Wert 2 zugeordnet, so ist dieses Merkmal in dieser Altersklasse zu 100 % ausgeprägt.

 

 

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