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Anatomisch-Histologische Grundlagen
Anatomie und Histologie der Auricularfläche
Die Facies auricularis ossis ilii ist wie die Facies auricularis ossis sacrii eine artikulierende Fläche des Iliosacralgelenkes. Die normale Anatomie der Auricularfläche des Os ilium kann nur an Skeletten studiert werden, die das 30. Lebensjahr noch nicht überschritten haben. Bei älteren Skeletten unterscheidet sich das Erscheinungsbild der Fläche von jüngeren durch den Abbau von Knorpelgewebe und zunehmender Ankylose (SASHIN 1930).
Die Form der Auricularfläche ist gewöhnlich die eines "L", mit einem langen Arm in dorsocaudaler Richtung und einem kurzen Arm in dorsocranialer Richtung. Seltener sind beide Arme gleich lang, ähnlich wie bei einem "V", wobei der eingeschlossene Winkel variieren kann. Der kurze Arm der Auricularfläche kann fehlen. Die Fläche hat dann die Form eines Rechteckes, die eines Dreieckes oder eine intermediäre Form. Nach RAUBER/KOPSCH (1929) ist die Facies auricularis bei Individuen mit ausgedehnter Wirbelsäulenkrümmung stark abgewinkelt. Eine birnenförmige, vertikal ausgerichtete Gelenkfläche beobachtet man bei weniger ausgeprägter Wirbelsäulenkrümmung.
Die Facies auricularis ist bei der Geburt 1,5 cm2, während der Pubertät 7 cm2 und beim Erwachsenen 17,5 cm2 groß (BROOKE 1924). Die von ALBEE (1909) untersuchten Auricularflächen waren durchschnittlich 7 cm lang und 3 cm breit. Die größte davon war 8 cm x 3 cm, die kleinste 6 cm x 2,5 cm groß.
Beim erwachsenen Menschen liegt die Gelenkfläche am ersten und zweiten Sacralwirbel. In vielen Fällen dehnt sie sich bis in den cranialen Abschnitt des dritten Sacralwirbels aus (SCHUNKE 1938).
Die artikulierende Fläche des Os sacrum ist konkav, während die des Os ilium konvex gewölbt ist (TROTTER 1937).
Die Zuordnung des Sacroiliacargelenkes zu einem bestimmten Gelenktypus war lange Zeit umstritten. Von LUSCHKA (1854) war der erste, der das Gelenk als diarthrotisch, also als echtes Gelenk, beschrieb. Viele andere Autoren teilten diese Meinung nicht. BERRY (1922), HEISLER (1923), GRAY (1924) und BRAUS (1924) stuften das Gelenk als amphiarthrotisch ein, da es durch Bänder in seiner Beweglichkeit eingeschränkt ist und die Bewegungsrichtung nicht einer Achsenvorgabe folgt. TESTUT (1889) bezeichnet das Gelenk als "diarthro-amphiarthrotisch". RAUBER/KOPSCH (1929) beschrieben das Gelenk als eines, das zwischen diarthrotisch und synarthrotisch angesiedelt ist (Synarthrose: Knochenverbindung, bei der die angrenzenden Knochen ohne Gelenkspalt durch hyalinen Knorpel oder Faserknorpel miteinander verbunden sind. Die Knochen sind daher nicht frei gegeneinander beweglich.).FICK (1911), MORRIS (1925) und CUNNINGHAM (1925) sind wiederum der Meinung, es handelt sich um ein diarthrotisches Gelenk. SASHIN (1930) führt diese Verwirrung bei der Beschreibung der normalen Anatomie des Sacroiliacargelenkes auf dessen pathologische Veränderungen zurück, die sich im Verlauf der Ontogenese vollziehen. Nach seiner Auffassung ist das Sacroiliacargelenk bis zur frühadulten Phase diarthrotisch. Danach verliert das Gelenk an Beweglichkeit und wird amphiarthrotisch, bis es später durch Ankylose (Gelenkversteifung) völlig bewegungsunfähig wird. Die Beweglichkeit des Gelenkes ist aber auch vor der Verwachsung der Gelenkflächen nur gering. SCHUNKE (1938) stellte eine Beweglichkeit um die eigene Achse fest, während SASHIN (1930) ein "gliding up and down" beschrieb, was von leichter anterior-posteriorer Beweglichkeit begleitet werden kann. Eine höhere Beweglichkeit wurde nur bei Frauen festgestellt, die schwanger waren.
Übereinstimmend wird festgestellt, daß eine Subluxation (unvollständige Verrenkung) des Sacroiliacargelenkes nicht möglich ist. MACDONALD und HUNT (1952) beschrieben einen Selbstmordfall, bei dem eine Frau aus dem 5. Stockwerk sprang und sich eine Fraktur des Os sacrum zuzog, während die Iliosacralgelenke unverletzt blieben.
Das Gelenk wird durch eine Gelenkkapsel stabilisiert, die im anterioren und teilweise im proximalen und distalen Bereich zu finden ist (SASHIN, 1930). Ein weiteres stabilisierendes Element des Iliosacralgelenkes sind die Ligamente. Die Ligg. Sacroiliaca iterossea inserieren direkt posterior des Gelenkknorpels. Es sind kurze und sehr widerstandsfähige Bänder, welche die Facies auricularis ossis ilii und die Facies auricularis ossis ischii in verschiedenen Richtungen miteinander verbinden. Die Räume zwischen den Bändern sind mit Bindegewebe, Fettgewebe sowie Lymph- und Blutgefäßen gefüllt (SASHIN, 1930).
Die Synovialhaut, eine gefäß- und nervenhaltige Bindegewebsschicht, die die Gelenkhöhle begrenzt und die Gelenkschmiere absondert, wird als glattes, feuchtes Gewebe bezeichnet (SASHIN, 1930).
Das Knorpelgewebe weist zwischen beiden am Gelenk beteiligten Flächen Unterschiede auf. SCHUNKE (1938) fand heraus, daß die Mächtigkeit des Knorpels auf Seiten des Os sacrum von 1 mm bis 3 mm variiert, auf Seiten des Os ilium hingegen 1 mm nicht überschreitet. Weiterhin bemerkte er Unterschiede in der Beschaffenheit der Knor-pelumhüllung der beiden Hälften des Sacroiliacargelenkes. Er beschrieb den Knorpel des Os sacrum als hyalin, der in kompakten parallelen Lagen dem Knochen aufliegt. Der Knorpel des Os ilium hingegen ist fibrös mit gelegentlich eingelagerten Inseln hyalinem Knorpels. Der fibröse Anteil liegt in säulenförmiger Anordnung entlang der dorsoventralen Achse der Auricularfläche. Mit zunehmendem Alter treten auf der Auricularfläche des Os ilium stellenweise unmaskierte Kollagenfaserbündel auf, in denen Nester von Chondrocyten eingelagert sind. SASHIN (1930) erkannte eine altersabhängige Zunahme von fasrigem gegenüber hyalinem Knorpel. Diese veränderte Umhüllung bewirkt die distinktiven Veränderungen am subchondralen Knochen des Os ilium, welche mit zunehmendem Alter an Umfang zunehmen.
Der subchondrale Knochen der am Iliosacralgelenk beteiligten Fläche des Os sacrum unterliegt keinen Veränderungen während der Ontogenese.
Die dorsal der Auricularfläche positionierte Retroauricularfläche des Os ilium unterliegt ebenfalls altersabhängigen Veränderungen. Ihre Morphologie weist aber auch innerhalb einer Altersklasse Unterschiede auf. Bei frühadulten Individuen kann die Retroauricularfläche flach und eben erscheinen, wobei sie von der Auricularfläche gut zu unterscheiden ist. Häufiger besitzt sie eine wellige und unregelmäßige Oberfläche, die eine scharfe Abgrenzung zur Auricularfläche erschwert. In einigen Fällen weist sie auf Seiten des Os sacrum eine weite und tiefe Fossa auf, die mit einer entsprechenden Crista auf Seiten des Os ilium korrespondiert.
1.3.2.Anatomie und Histologie des Zahnes unter besonderer Berücksichtigung des Zahnzementes
Der menschliche Zahn besteht aus Zahnschmelz, Dentin, Zahnzement und der Pulpa Das Zement ist dem Dentin der Zahnwurzel aufgelagert. Neben dem zellulären Zement, das sich besonders an der Wurzelspitze befindet und keine Inkrementzonen bildet, gibt es das azelluläre Zement, welches die lateralen Flächen des Dentins umschließt. Das azelluläre Zement besteht aus Kollagenfibrillen, den SHARPEY- Fasern und verkalkter Interzellularsubstanz, in der die Fasern des Zahnhalteapparates inserieren.
Die Zementogenese erfolgt durch Zementoblasten, die sich aus Mesenchymzellen des Zahnhalteapparates differenzieren. Nachdem die Mesenchymzellen das Ligamentum peridontale durchwachsen haben, lagern sie sich in Form von Zementoblasten an der Dentinoberfläche an und produzieren das Primärzement. Die Zementschicht erreicht eine Mächtigkeit von 30-230 m in Abhängigkeit vom Lebensalter. Die Zementogenese äußert sich in den lichtmikroskopisch sichtbaren Inkrementzonen, die circaannual angelegt werden und so zur Altersabschätzung herangezogen werden können (SCHUMACHER 1984).
Die Anlage der ersten Zementschicht erfolgt mit der Bildung des entsprechenden Wurzelabschnittes. Um das Sterbealter eines Menschen anhand der Zementzuwachszonen ermitteln zu können, muß zu der Anzahl der Inkrementzonen die Zeit (Jahre, Monate) addiert werden, in der die Wurzelregion gebildet wurde, die zur Altersanalyse herangezogen wurde.
Eine einzelne Zementschicht besteht aus einer weiten und einer engen Lage von Zementsubstanz, die unterschiedliche optische Dichten aufweisen. Nach KLEVEZAL und KLEINENBERG (1967) ist die enge Lage relativ hypercalcifiziert, während die weite Lage relativ hypocalcifiziert ist. Die weite, hypocalcifizierte Lage kann nachträglich in eine sekundär hypercalcifizierte Lage umgewandelt werden. Dennoch sind beide Lagen unterschiedlich optisch dicht und lichtmikroskopisch zu unterscheiden.
Die physiologischen Hintergründe der Inkrementzonenbildung liegen noch weitestgehend im dunkeln. In paläontologischen und wildbiologischen Untersuchungen, bei denen ebenfalls Inkrementzonen des Zahnzementes nachgewiesen wurden, vermutet man die Ursachen in saisonalen Schwankungen des Nahrungsangebotes. Dieser Ansatz greift jedoch nicht bei Menschen in Industriestaaten, deren Nahrungsspektrum kaum jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen ist. Nach KLEVEZAL und KLEINENBERG (1967) ist die Produktion von organischer Matrix und die Calcifikation während der Zementogenese unabhängig von äußeren Faktoren. Die hypercalcifizierten Schichten reflektieren ein konstantes Fortschreiten der Mineralisation, welches von Perioden verminderter Matrixproduktion unterbrochen wird. GRUE und JENSEN (1979) vertreten die Auffassung, daß die hypercalcifizieren Schichten Ausdruck der verzögerten oder eingestellten Zementogenese sind. Das auslösende Moment der veränderten Zementogenese aber ist weiterhin ungeklärt. Vermutlich ist es ein Komplex aus ernährungsphysiologischen, klimatischen, genetischen und funktionalen Regulatoren (GRUE, JENSEN 1979).
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