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 Einleitung

 

Das Alter

Ein bedeutendes Quellenmaterial, das unmittelbar Aufschluß über den Menschen ver     gangener Zeiträume zu geben vermag, sind die körperlichen Überreste, welche die Zeiten überdauert haben. Diese Überreste, zumeist Skelette, werden bei Ausgrabungen geborgen und im Anschluß daran von Anthropologen ausgewertet. In erster Linie werden dabei individuelle biologische Daten erfaßt. Die Individualdaten einer abgegrenzten Population finden Verwendung in der demographischen Auswertung dieser Bevölkerungsgruppe.

Eine auftretende Schwankung in der zahlenmäßigen Populationsgröße ist stets auf Veränderungen in den anderen Komponenten des Ökosystems zurückzuführen, welche den Gleichgewichtszustand stören bzw. dessen Einstellung verhindern, und die es aufzusuchen gilt. Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur sind damit biologische bzw. biologisch relevante Vorgänge, die aber aus primär nichtbiologischen Vorgaben (z.B. politischer, sozialer oder ökonomischer Natur) resultieren können (JÜRGENS 1974, GRUPE 1985). Unter Hinzuziehung der Ergebnisse jener Disziplinen, die über diese nichtbiologischen Vorgaben Auskünfte geben, kann ein theoretisches Gefüge synthetisiert werden, das im Rahmen der historischen Anthropologie auf seine Plausibilität geprüft werden muß (GRUPE 1985).

Neben der Ermittlung des Geschlechts, der Körperhöhe sowie dem Erfassen von pathologischen Veränderungen führt das Abschätzen des Sterbealters zu grundlegenden Daten über ein Individuum. Bei der Auswertung prähistorischer Skelette, aber auch in Fällen der forensischen Medizin, ist das Sterbealter häufig unbekannt. Zur Ermittlung des Sterbealters werden Skelettmerkmale untersucht, die sich im Verlauf der Ontogenese verändern. Das Resultat der Untersuchung ist das Skelettalter bzw. biologische Alter. Das biologische Alter eines Individuums gibt das erreichte Stadium im Entwicklungslauf an. Es entspricht dem chronologischen Alter (Jahre, Monate), in dem im Durchschnitt in der Bevölkerung der Entwicklungsstand dieses Individuums erreicht wird. Ein Kind besitzt also ein biologisches Alter von 3 Jahren, wenn die Kinder mit gleichem Entwicklungsstand ein durchschnittliches Alter von 3 Jahren aufweisen (KNUSSMANN 1980). Es ist nicht zwingend identisch mit dem chronologischen Alter des betreffenden Individuums.

Das chronologische Alter gibt die Anzahl der Lebensjahre, -monate, und -tage eines Menschen seit dem Zeitpunkt der Geburt an.

Eine Differenz zwischen Skelettalter und chronologischem Alter kann durch den systematischen Fehler auftreten, wenn zwischen der Population, an der die Altersbestimmungsmethode entwickelt wurde und der mittels dieser Methode zu bestimmenden Population geographische oder epochale Unterschiede bestehen. Ein weiterer Fehler kommt durch die individuelle Verschiedenheit der Menschen hinzu. Es ist möglich, daß zwei Menschen mit gleichem chronologischen Alter einen unterschiedlichen Entwicklungsstand im Körperbau aufweisen und somit jedem ein anderes Skelettalter zugeordnet werden kann. Des weiteren nimmt die Korrelation zwischen biologischem und chronologischem Alter mit zunehmendem Individualalter ab. Der Grund dafür ist in den individuell unterschiedlichen biologischen Änderungsprozessen des Wachstums und des Alterns zu suchen (BOCQUET-APPEL & MASSET 1982).

Welche Merkmale an einem Skelett für eine Bestimmung des Sterbealters genutzt werden können, richtet sich nach dem Entwicklungsstand des Individuums und nach dem Erhaltungszustand des Skelettmaterials. So ist z.B. bei Kindern bis zum 14. Lebensjahr der Stand der Zahnentwicklung neben Fontanellenschlüssen und Synostosen der wichtigste Hinweis für die Altersdiagnose. Zur Altersklasse Infans I werden Individuen von der Geburt bis zum vollständigen Durchbruch der ersten Dauermolaren gezählt. Vom Durchbruch der ersten bis zum Durchbruch der zweiten Dauermolaren werden die Individuen zur Altersklasse Infans II zugeordnet. Das Schließen der Sphenobasilarfuge markiert den Übergang vom juvenilen zum adulten Menschen. In diesem Altersbereich gibt zusätzlich der Schluß der Epiphysenfugen der Langknochen, der im Normalfall mit dem 25. Lebensjahr abgeschlossen ist, Hinweise auf das Alter des Individuums.

Vom Verschluß der Sphaenobasilarfuge bis zum Auftreten kleinerer Stellen von Ossifikationen (Verknöcherung, Verstreichung) der Schädelnähte wird das Individuum als Adultus bezeichnet. Eine fortgeschrittene Verknöcherung, aber noch nicht vollständiges Verstreichen der Schädelnähte ist typisch für mature Menschen. Bei über 60jährigen Menschen ist eine hochgradige Verstreichung der Schädelnähte zu beobachten (vergl. SZILLVASSY 1988).

An einem vollständig erhaltenen Skelett gibt es eine Reihe weiterer Merkmale zur Bestimmung des Skelettalters, die in der täglichen Laborpraxis Anwendung finden. Mit deren Hilfe ist es möglich, die Aussage über das Sterbealter über die von MARTIN (1928) festgelegten Stadien hinaus zu präzisieren.

Folgende Skelettmerkmale können bei der Sterbealterbestimmung zur Anwendung kommen (vergl. ISÇAN 1989):

Altersindikatoren des Craniums:

     Die Obliteration der Schädelnähte, die sich in den einzelnen Nahtabschnitten in unterschiedlichen Zeitabschnitten der Ontogenese vollzieht.

Odontologische Altersindikatoren:

     Das Altersbestimmungsverfahren, das auf der Basis von kombinierten Merkmalen nach GUSTAVSON (1950, 1955) angewandt wird.

     Die Inkrementzonenanalyse des Zahnzementes, welche Aussagen über das chronologische Alter des Individuums zuläßt (Kap. 3).

     Der Abkauungsgrad der Zähne, der jedoch einer großen Variabilität unterworfen ist, da er in starkem Maße nahrungsabhängig ist.

Altersindikatoren des Postcraniums:

     Die Metamorphose, die an den sternalen Rippenepiphysen zu beobachten ist.

     Die zunehmende Verknöcherung des Schildknorpels als eines der wenigen Merkmale, das eine Altersbestimmung seniler Individuen zuläßt.

     Die Metamorphose, die an der Symphysenfläche des Os pubis zu beobachten ist.

     Der Grad der Rückbildung der Spongiosastruktur und der Grad der Mächtigkeit der Kompaktaanteile im proximalen Femur- bzw. Humeruskopf, der durch Röntgenfotografie oder durch das Aufsägen der Knochen ermittelt wird.

     Die histologischen Veränderungen der Substruktur des Knochens, die sich in der Zunahme der Dichte der Havers-Kanäle und der Abnahme des Durchmessers der Osteonen widerspiegeln.

 

Um eine präzisere Angabe des Sterbealters bei Erwachsenen machen zu können, wird derzeit eine Methode angewandt, bei der mehrere Merkmale kombiniert werden (kombinierte Methode nach NEMESKÉRI, HARSÁNYI, ACSÁDI 1960). Für diese Altersdiagnose werden folgende vier Merkmalskomplexe beurteilt :

 Das Relief der Facies symphysialis ossis pubis

 Die Spongiosastruktur der proximalen Femur-Epiphyse

 Die Spongiosastruktur der proximalen Humerus-Epiphyse

 Der Obliterationsgrad der endocranialen Schädelnähte.

 

 

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