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Qualität der Einzelmerkmale

Die Güte der einzelnen Altersindikatoren der Auricularfläche ist vom Tempo der Merkmalsänderung bzw. der Steilheit der Kurve abhängig, die die Merkmalsveränderung wiedergibt. Je steiler die Kurve ist, desto besser lassen sich zwei benachbarte Altersklassen voneinander unterscheiden. Die besten Altersindikatoren in den unteren Altersklassen sind demnach die Furchen und die Riefen. BUIKSTRA & UBELAKER (1994) bezeichnen diese Altersindikatoren ebenfalls als primäre Merkmale. Die Dichte und die Granulation sind mit ihrem Minimum bzw. Maximum in den mittleren Altersklassen, in denen Merkmale mit steilem Kurvenverlauf fehlen, die praktikabelsten Altersindikatoren. In diesen Altersklassen ist neben diesen Merkmalen auch auf das Nichtvorhandensein der Merkmale zu achten, die typisch sind für die niedrigen und hohen Altersklassen. Die Makroporosität und die Retroauricularflächenaktivität sind für die Altersbestimmung der maturen und senilen Skelette gut geeignet. Vor allem die retroauriculare Aktivität ist oft ein sehr guter Sterbealterindikator, obwohl sie von BUIKSTRA & UBELAKER (1994) lediglich als sekundäres Merkmal angegeben wurde. Die apikale Aktivität und die Mikroporosität sind durch ihren flachen Kurvenverlauf zur Altersabschätzung nur bedingt geeignet.

 Geschlechtsabhängige Bestimmungsungenauigkeit

Untersuchungen zu Geschlechtsunterschieden bei der Anwendung der Altersbestimmung nach LOVEJOY et al. (1985) wurden bereits von MURRAY & MURRAY (1991) durchgeführt. Sie untersuchten eine Serie von 200 anatomischen Skeletten, die zu gleichen Teilen aus weißen und schwarzen Männern und Frauen bestand. Hinsichtlich eines Einflusses des Geschlechtes auf die Bestimmungsgenauigkeit wurde bei dieser Studie nichts festgestellt. Dagegen wurde bei Männern und Frauen gleichsam eine Überschätzung in den unteren und eine Unterschätzung in den oberen Altersklassen beobachtet. Im Gegensatz zur vorliegenden Untersuchung, in der eine starke Unterschätzung der weiblichen Individuen in den oberen Altersklassen beobachtet wurde, stellten MURRAY & MURRAY (1991) eine starke Überalterungstendenz der frühadulten Skelette fest. Die von KEMKES-GROTTENTHALER (1993) durchgeführten Untersuchungen dokumentieren dagegen eine starke Tendenz zur Überschätzung von älteren weiblichen Individuen bei der Anwendung der Auricularflächenmethode. Nach KEMKES-GROTTENTHALER (1993) ist das Ergebnis der Untersuchung von MURRAY & MURRAY (1991) durch das hohe Medianalter der von ihnen gewählten Stichprobe der Terry-Sammlung beeinflußt. Es beträgt 60 Jahre, während das der Stichprobe, an der LOVEJOY et al. (1985) diese Methode entwickelten, lediglich 40 Jahre beträgt. Das Medianalter der Gesamtstichprobe der vorliegenden Arbeit liegt insgesamt unter der von MURRAY & MURRAY (1991) und beträgt bei den männlichen Individuen 50 Jahre und bei den weiblichen Individuen 45 Jahre. Die weibliche Stichprobe ist damit etwas jünger als die männliche. Der Einfluß dieses Unterschiedes zwischen den Geschlechtern auf die Bias-Werte (Tab. 7) ist in Anbetracht der in        Kap. 4.3. dokumentierten Unterschiede in den Merkmalsausprägungen der Altersindikatoren eher als gering zu betrachten.

In den Veröffentlichungen über die Inkrementzonenanalyse des Zahnzementes wird in keinem Fall über Beobachtungen berichtet, die auf einen geschlechtsabhängigen Unterschied in der Bestimmungsgenauigkeit dieser Methode hindeuten. CONDON et al. (1986) weisen explizit darauf hin, daß es keinen Unterschied in der Genauigkeit dieser Methode zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht gibt. Daraus kann geschlossen werden, daß die Geschlechtsdifferenzen in der Bestimmungsgenauigkeit des Sterbealters tatsächlich bei der Anwendung der Auricularflächenmethode auftraten und nicht bei der Überprüfung der Daten mittels der Inkrementzonenanalyse.

SASHIN (1930) führte eine ausführliche Untersuchung an anatomischem Beckenmaterial durch. Er stellte in der Gruppe der 30-50jährigen bei 90 % der männlichen und bei 77 % der weiblichen Skelette pathologische Veränderungen der Knorpeloberfläche fest. Bei den Männern nahm die Mobilität des Gelenkes bis zur 4. Dekade spürbar ab, danach aber nur noch geringfügig. Bei den Frauen ist bis zur 5. Dekade eine fast uneingeschränkte Beweglichkeit des Gelenkes zu verzeichnen, bei manchen noch darüber hinaus. Osteoarthrotische Veränderungen des Sacroiliacargelenkes wurden bei den Männern der 5. Dekade bei 91 %, bei Frauen dieser Altersgruppe nur bei 53 % der Fälle gefunden. Eine Ankylose wurde bei 51 % der Männer und bei 18 % der Frauen beobachtet. In der Gruppe der über 60jährigen Individuen wurden in allen Fällen degenerative Knorpelveränderungen gefunden. Osteoarthritische Veränderungen wurden ebenfalls in allen Fällen beobachtet, wobei der Grad der Ausprägung bei den Männern deutlich höher war als bei den Frauen. Eine Ankylose wurde bei 82 % der Männer über 60 Jahre und bei 30 % der Frauen gleichen Alters gefunden.

Diese bei weiblichen Individuen langsamer ablaufenden Alterungsprozesse sind eine Ursache dafür, daß bestimmte Altersmerkmale bei Frauen zu einem späteren Zeitpunkt auftreten als bei Männern. Weiterhin berichtet SASHIN (1930) von einer sehr hohen Beweglichkeit des Iliosacralgelenkes während der Schwangerschaft. Dies kann eine Ursache dafür sein, daß die Beweglichkeit des Gelenkes bis zu einem Alter gewährleistet ist, in dem bei männlichen Individuen die Beweglichkeit bereits stark eingeschränkt ist. Eine höhere Beweglichkeit verzögert das Auftreten von Ankylose. Da Versteifungen und Verwachsungen des Iliosacralgelenkes einen Einfluß auf die Oberflächenstruktur der Auricularfläche ausüben, ist davon auszugehen, daß diese Vorgänge auch das Merk-     malsorchester beeinflussen, welches als Altersindikator dient. Vor allem die Zunahme der Makroporosität und die stärkere Strukturierung der Retroauricularfläche gehen mit einer Verwachsung des Gelenkes einher. Am Kurvenverlauf der Veränderung dieser Merkmale (Abb. 38, 39) wird deutlich, daß die bei weiblichen Individuen später einsetzende Gelenkversteifung einen verzögernden Einfluß auf die Merkmalsausprägung bei den spätmaturen Skeletten hat.

Auch KEMKES-GROTTENTHALER (1993) stieß bei ihren Untersuchungen auf geschlechtsabhängige Differenzen in den oberen Altersklassen. Die Ergebnisse der durch die Auricularfläche gewonnenen Altersangaben lag um etwa 10 Jahre über den Ergebnissen anderer Methoden. Sie schließt geburtstraumatische Veränderungen, die in Richtung Überalterung wirken, nicht aus.

Der Einfluß der Schwangerschaft auf weibliche Individuen der unteren Altersklassen wurde durch die häufiger als bei den Männern gleichen Alters festgestellten altersklassenübergreifenden Bestimmungen bereits deutlich. Der Einfluß der Schwangerschaft kann auch für die Überalterungstendenz der Auricularflächenmethode bei frühadulten weiblichen Individuen verantwortlich gemacht werden. Die erhöhte mechanische Belastung des Iliosacralgelenkes durch das Austragen des Kindes führt zu beschleunigten Veränderungen in der Oberflächenstruktur der Auricularfläche. Bei seinen Untersuchungen stieß SASHIN (1930) auf zwei weibliche Individuen, die während der Schwangerschaft bzw. kurz nach der Geburt starben. Die Bänder des Iliosacralgelenkes waren in beiden Fällen gelockert. Weiterhin war die Gelenkkapsel verändert und die Knorpelumhüllung war dünner als bei den anderen weiblichen Individuen, die nicht schwanger waren. Durch diese Veränderungen in der Umhüllung der Auricularfläche werden offenbar die Merkmalsveränderungen des subchondralen Knochens beschleunigt und es tritt eine Altersüberschätzung auf.

 Bewertung der Altersbestimmung mittels der Auricularfläche

Die Erhaltungsrate der Region, die für die Altersbestimmung mittels der Auricularfläche herangezogen wird, wird allgemein als hoch bezeichnet. Gerade im Vergleich mit der Präservation der Facies symphysialis, die konventionell zur Sterbealterbestimmung am Becken herangezogen wird, wird sie als beträchtlich höher eingestuft (LOVEJOY et al. 1985). In dieser Arbeit kann über die Erhaltungsrate der Facies auricularis nur bedingt eine Angabe gemacht werden. Neben dem interpretierbaren Erhaltungszustand der Auricularfläche war die Präsenz von einem bearbeitbaren Zahn ein weiteres Auswahlkriterium für ein zu verwendendes Skelett. In den Serien sind Skelette zu finden, die eine auswertbare Auricularfläche aufweisen, durch den fehlenden auswertbaren Zahn aber nicht in die Untersuchungen einbezogen werden konnten. Von den insgesamt 1605 Skeletten wurden 17,8 % zur Untersuchung herangezogen. Die wirkliche Präservation der Auricularfläche ist demnach >17,8 %.

Skelettmerkmale, die eine Sterbealterbestimmung jenseits eines Alters von 50 Jahren zulassen, sind äußerst rar. Im Falle des anderen am Becken befindlichen Sterbealterindikators, der Facies symphysialis, ist eine differenzierte Einordnung der über 50jährigen generell nicht möglich. So gibt die Auswertung der Auricularfläche vor allem bei spätmaturen und senilen Individuen wertvolle Hinweise auf das Sterbealter.

Die Anwendung dieser Methode bereitet jedoch größere Schwierigkeiten als andere Methoden. Das Zusammenspiel der verschiedenen sich ändernden Merkmale der Auricularfläche ist sehr komplex. Bei jüngeren Individuen sind z. B. in manchen Fällen Furchen und Riefen schwer zu unterscheiden. Die einzelnen von LOVEJOY et al. (1985) beschriebenen Phasen stellen Idealzustände der einzelnen Altersklassen dar, die in der Realität oft nicht in dieser Form vorliegen. KEMKES-GROTTENTHALER (1993) schließt daraus, daß somit viele Auricularflächen die Charaktere mehrerer Phasen aufweisen können und folglich nur eine phasenüberschreitende Zuordnung zulassen, was eine ernsthafte Einschränkung der Methode darstellt. Unter Zuhilfenahme der von BUIKSTRA & UBELAKER (1994) eingeführten Einteilung der einzelnen Merkmale in primäre und sekundäre, ist eine Verringerung der phasenüberschreitenden Bestimmungen möglich. Sie beträgt bei dieser Untersuchung etwa 10 %. Weitere 10 % werden durch Lateralitätsunterschiede der beiden Auricularflächen ebenfalls phasenüberschreitend bestimmt. Damit können 1/5 der Individuen keiner bestimmten, der von LOVEJOY et al. (1985) beschriebenen Phasen, zugeordnet werden. Deren Sterbealter ist dann mit einer Unsicherheitsspanne von mindestens 10 Jahren behaftet. Zudem ist nach den Ergebnissen dieser Arbeit die Tendenz zur Überschätzung der frühadulten und Unterschätzung der spätmaturen und senilen Individuen beiden Geschlechtes zu beachten

 

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